Das Märchen von Oettingen

Langjährige Freundschaft zwischen Haugesund und Oettingen

Ein Bericht von Werner Paa

Haugesundverein

 

 

 

Am 7. Juni 1971 knüpfte der damalige Leiter des Verkehrsvereins Reiner Bauer den ersten Kontakt nach Haugesund. In einem Brief an den Korpschef des Ungdomskorps Harald Tørring machte er das Angebot, bei ihrer Reise nach Innsbruck in Oettingen einen Aufenthalt einzulegen und dort ein Konzert zu geben. Zwei Tage später antwortete Harald Tør­ring positiv auf die Anfrage aus Oettingen. Am 8. Juni trafen rund 110 Personen aus der norwegischen Stadt in Oet­tingen ein. Reiner Bauer hatte in kürzester Zeit die Voraussetzungen für den Aufenthalt in Oettingen geschaffen.

 

Torring

Bauer Reiner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die beiden Gründungsväter Harald Tørring und Reiner Bauer

 

Und was dann in Oettingen geschah, beschreibt Harald Tørring in seinem Reisebericht: „Alle Märchen beginnen: Es war einmal. Und das Märchen in Oettingen gehört auch der Vergangenheit an, denn Märchen werden immer in der Vergangenheit erzählt, was eigentlich bedeutet, dass erst hinterher dem Einzelnen aufgeht, dass er wirklich ein Märchen erlebte. So war es dann auch in Oettingen. Die Vorgeschichte dieses Märchens war ganz einfach die Tatsache, dass der Leiter des hiesigen Verkehrsvereins erfahren hatte, dass das Haugesund Jugendkorps auf dem Weg nach Tirol durch Bayern kam. Vor der Abreise erhielt ich einen Eilbrief mit der Anfrage, ob es möglich wäre, für einen Tag in Oettingen Aufenthalt zu machen, um die Bevölkerung mit unserer Musik und Volkstanzgruppe zu erfreuen . . .

Dann war die Zeit zum Musikumzug gekommen, der von unserem Quartier aus startete. Diesmal war es das Jugendkorps in neuen blauen Uniformen und mit neuer Fahne. Der Musikumzug hatte einen weiten Weg zurückzulegen sowohl durch den alten Stadtteil mit Stadtmauer und Toren als durch den neuen Stadtteil mit modernen Häusern. Überall war die Bevölkerung erschienen, um das Korps zu sehen und zu hören. Aus verschiedenen Häusern wurden Blumen geworfen und so begann das Märchen.

Oettingens Bewohner waren strahlende Gastgeber. Nach dem Umzug durch Oettingen gab es ein Mittagessen im Hotel „Goldene Gans“, welches wir uns nach dem langen Marsch schmecken ließen. Anschließend hatte uns die Stadt das herrliche Freiluftbad an der Wörnitz zur Verfügung gestellt.

Die Märchen haben gewöhnlich ein Ende, aber das war in Oettingen vorerst nicht der Fall, es ging weiter. Wir hatten 5000 farbige Postkarten mit einer Aufnahme des Jugendkorps mitgebracht, die wir an den Orten an denen wir aufge­treten sind, verkaufen wollten. So auch bei dem Konzert in Oettingen zu dem 1500 Besucher erschienen. Aber als wir so überwältigend mit Geschenken und Einladungen überschüttet wurden, wollten wir die Karten verschenken statt verkaufen. Dann aber griff Reiner Bauer über Lautsprecher ein und gab bekannt, dass das Korps die weite Reise aus eigener Kasse und ohne Zu­schüsse bezahlt hatte. Er appellierte an die Bevölkerung ihre Freude über unser Kommen durch Spenden zum Ausdruck zu bringen. Nie hatten wir für eine Postkarte so viel bekommen!

Am Ende des Konzerts teilte der Bürgermeister im Namen der Sparkasse Oettingen mit, dass die ganze Gesellschaft aus Norwegen an diesem Abend ihre Gäste seien. Die Begeisterung war wieder groß. Das Konzert wurde mit dem norwegischen Nationallied beendet, das wir einstimmig sangen, während die Tanz­gruppe vor dem Korps mit brennenden Fackeln Aufstellung genommen hatte.

Die Leute wollten aber nicht nach Hause gehen und wir mussten Autogramme geben, auf Programme und Karten. Es wurden Blumen an sämtliche 50 Damen verteilt. Dieses Meer von Blumen konnten wir unmöglich am nächsten Morgen mit­nehmen. So verteilten die Mädchen ihre Sträuße unter den Zuschauern, eine Blume für jeden, groß und klein und es ist schwer in Worten zu fassen, was wir alle dabei empfanden.  Manch  einer  kamen  die Tränen.

Dann begann das Volksfest in den Straßen mit unserer Tiroler Blaskapelle an der Spitze und Mädchen und Jungen des Jugendkorps sowie der Tanzgruppe, die hinterher tanzten mit der Jugend aus Oettingen, die die Straßen säumte und mit in den Tanz hineingezogen wurde.

Der Saal im Hotel war zum Brechen voll als das Fest begann. Ansprachen wurden gehalten vom 1. und 2. Bür­ger­meister. Der letztere überreichte ein Geschenk, diesmal zwei Puppen, ein Mädchen und ein Junge in Rieser Tracht. Wir erhielten auch Kostproben von bayerischen Volkstänzen. Man erlebt nicht oft ein Fest mit einem solchen Geist der Verbrüderung. Aber leider ging auch dieses Fest zu Ende. Zurück im Quartier machten wir unsere Vorbereitungen für die Abreise am nächsten Morgen.

Zu diesem Zeitpunkt kam ein älterer Mann angeradelt und wollte mich sprechen. Seine 10-jährige Tochter war vom Konzert mit einer Postkarte des Jugendkorps nach Hause gekommen, aber im Gedränge war es ihr nicht gelungen, ein Autogramm zu bekommen. Nun sei der Vater 8 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren, um es nachzuholen. Dies beeindruckte mich so sehr, dass ich mich hinsetzte, um dem Mädchen persönlich zu schreiben.

Dies war das Märchen in Oettingen und zum ersten Mal während der ganzen Fahrt verließen wir mit Wehmut einen Ort, um zum nächsten zu fahren, diesmal Innsbruck in Österreich. Manch einem von uns fiel der Abschied schwer.“

 

Ungdomskorps

 

Das Haugesund Ungdomskorps

 

Zahllose Kontakte

Niemand hätte damals daran gedacht, dass daraus eine enge Freundschaft zwischen vielen Menschen in beiden Städten entstehen würde. Aber dieser Juni 1971 war die Initialzündung für die Freundschaft zwischen beiden Städten. Erlebnisreich waren die Besuche in Norwegen für viele Oettinger Vereine, vor allem der Sängerbund, der Trachtenverein, die ehemalige Trachtenkapelle, heute die Stadtkapelle und andere Reisegruppen. Im Mittelpunkt aller Besuche stand immer der Wunsch, mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Fast nicht mehr zu zählen sind die Aufenthalte norwegischer Gruppen in Oettingen. Die Jakobikirchweih ist schon längst ohne die Gäste aus Haugesund überhaupt nicht mehr vorstellbar. Zahlreiche Privatpersonen haben Reisen nach Haugesund und nach Oettingen unternommen und viele Kontakte auf privater Ebene wurden geknüpft. Obwohl es keine offizielle Partnerschaft ist, bestehen die freundschaftlichen Beziehungen nunmehr 40 Jahre. In beiden Städten wurde zur Förderung und Pflege der Beziehungen ein eigener Verein gegründet. Zur Jakobikirchweih 2011 werden wieder zahlreiche Gäste aus Haugesund erwartet, um mit den Oettinger Freunden das 40-jährige Bestehen der Beziehung zu feiern. Am 28. Juli gibt es für die Gäste einen Empfang durch die Stadt, danach wird das Jubiläum bei einem Festabend im Kronensaal mit der Bevölkerung würdig begangen. Anfang September reisen dann die Oettinger in die westnorwegische Stadt um dort zu feiern.

 

 

 

 

Haugesund ist eine junge Handelsstadt und Kommune an der Südwestküste Norwegens mit rund 35000 Einwohnern. Die Stadt liegt an der Nordseeküste, etwa in der Mitte zwischen Bergen und Stavanger. Sie ist ein bedeutendes Einkaufs- und Handelszentrum mit einem Einzugsgebiet von etwa 200000 Menschen. Haugesund liegt am Karmsund, dem historischen „Nordvegen“, dem Namensgeber für Norwegen. Über den Karmsund führt die 690 m lange Karmsund­brücke in die Nachbarkommune Kar­møy. Haugesund bezeichnet sich als junge Stadt in alter Schale. Der Name setzt sich aus Haugen (Hügel) und Sund (Meerenge) zusammen. Die Kommune Haugesund grenzt an die Nachbarkommunen Karmøy im Süden und Westen, im Norden an Sveio und im Osten an Tysvær. Die höchste Erhebung in der Gemeinde ist der Klauv 246 hoch im Norden der Kommune.

Haugesund entstand als Umschlagpunkt und Poststelle für Seefahrende und Fischer zur Zeit der boomenden Heringsfischerei Ende des 19. Jahrhunderts. Die Stadt erhielt das Stadtrecht 1854. Das Wappen zeigt drei Mö­wen auf blauem Grund und spiegelt damit Geschichte und geographische Lage wider.

Bei Haraldshaugen soll König Harald Hårfagre (Harald I. genannt Schönhaar) der Sage nach begraben liegen. Ein granitener Obelisk mit 29 kleineren Monumenten aus 29 Landesteilen erinnert an die Reichsgründung 872 und den Reichsgründer Harald Schönhaar.

 

Werner Paa

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